Textatelier
BLOG vom: 18.07.2006

Die Welt auf die Füsse statt auf den Kopf stellen

Autor: Emil Baschnonga
 
Jetzt, bei dieser Affenhitze, kommen die Füsse aus den Socken und Schuhen. Im Haus laufe ich barfuss herum. Draussen bin ich vorsichtig. Ich will auf dem Rasen nicht auf eine Wespe treten oder mich an eckigen Kieseln verletztn. Dort trage ich Sandalen.
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Erst heute machte ich mir erstmals ernsthaft Gedanken über die Füsse. Ich lese und staune: So schrieb die schweizerische Ganzheitsmedizinerin und Fussreflexzonentherapeutin Shanti C. Wetzel:
 
In den Füssen spiegelt sich unsere komplette Persönlichkeit − sowohl auf geistig-seelischer wie auch auf körperlicher Ebene. Ich brauche bloss auf die Füsse zu schauen, um zu wissen, wen ich vor mir habe!"
 
Ich schaue mir auf die Füsse, spreize die Zehen und stelle fest, dass die Zehe neben der grossen Zehe etwas länger ist. Daraus kann ich keine Rückschlüsse auf meine Persönlichkeit ziehen. Kann ich auch mit den Füssen schreiben? Meine Zehen sind eher lang. Wie als Kind kann ich mit den Zehen einen Bleistift fassen, eine Zeitung hochangeln. Gleicht meine Handschrift meiner Fussschrift? Ich kann einige Grossbuchstaben kraxeln. Um darüber eine schlüssige Antwort zu finden, müsste ich viel zu lange üben. Dazu fehlt mir die Geduld.
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Ein Bekannter schenkte mir vor wenigen Wochen eine magnetische Schuheinlage, „magnetic insoles = Magna-Therapy“ nach dem „William Morris Konzept“ stand auf der Packung. Erleichtert stelle ich fest, dass damit nicht der gleichnamige englische Arts & Crafts Begründer, Entwerfer von Tapetenmustern, Poet und Mitbegründer der Pre-Raphaelite Brotherhood gemeint ist. Der 18-seitige Prospekt verheisst 17 Sohlenwunder, also sogar mehr als die 7 Weltwunder.
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Meine Füsse sind so skeptisch wie mein Kopf. Dies hätte Shanti C. Wetzel gewiss auf Anhieb von meinen Füssen abgelesen. Meine Füsse sind allgemein schmerzfrei, und somit bleibt die schmerzlindernde Einlage wirkungslos. Diese dünnen schwarzen Sohlen sollen Kopfschmerzen und Migräne lindern, die Konzentration stärken, vom Fuss aufwärts die Durchblutung anregen und mich erst noch vor Infektionen schützen. Heute habe ich keine Kopfschmerzen und kann mich deshalb dazu nicht äussern. Wenn die Sohle gegen Migräne wirkt, werde ich dies sofort dem Blogatelier melden.
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Hat der Fuss 26 oder 28 Knochen, 20 oder 30 Muskeln mit oder ohne Sehnen? Diese Frage lässt meine Füsse kalt. Vielleicht werden sie ihre Einstellung nach einem warmen Fussbad ändern.
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Soweit mich meine Füsse tragen … Die Füsse tragen unsere Körperlast ein Leben lang – ausser wenn man sitzt, die Beine hoch lagert oder sich im Bett ausstreckt. Wie viele Kilometer gehen wir mit ihnen? Ein Experte meint, wir gehen zu Fuss 2 Mal um die Welt. Soweit sollten mich meine Füsse nicht unbedingt tragen, es sei denn mit vielen Unterbrüchen, wiewohl ich ein passionierter Fussgänger bin.
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Wo drückt der Schuh? Mieses Schuhwerk drückt aufs Gemüt und verstümmelt die Füsse, biegt die Zehen einwärts, krümmt sie zu Klauen, verursacht  Blasen, Schwielen, Hühneraugen und Hornhaut oder züchtet gar Fusspilze.
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Es gibt Menschen mit ungleich langen Füssen. Das kann ein teurer Spass werden, wenn man 2 Paar Schuhe auf einmal kaufen muss, um nur von jedem die Hälfte gebrauchen zu können.
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In China trugen Frauen einst eingebundene Füsse, weil kleine Füsse als Schönheitsideal galten, wie jetzt wieder Stöckelschuhe in unseren Breitengraden als schön gelten. Der Preis der Eitelkeit: verunstaltete Füsse.
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Die Füsse sind kitzelig und bilden 2 Nervenzentren. Der linke Fuss ist teils direkt mit Teilen der linken Körperseite verbunden, der rechte mit der rechten, so es der Prospekt richtig erfasst hat. Zudem bestehen gemeinsame Rechts- und Linksverbindungen, etwa zu Nacken, Lunge, Ohren. Das wird alles ziemlich kompliziert. Am einfachsten lässt sich der Nervenkitzel unter der Bettdecke zu Zweit feststellen – beim „Footsies“-Spiel, also beim „Füsseln“. Das ist höchst angenehm und unterhaltsam – und für mich unfehlbar ein wirksames Schlafmittel. Hoch lebe die Fussreflexzonentherapie bei mir zuhause.
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Maniküre allein genügt heute längst nicht mehr. Pediküre gehört unbedingt mit dazu. Ich halte davon sehr wenig. Diese Doppelpackung kostet mindestens £ 35 pro Sitzung in England. Meine Frau ist mit mir einig und pflegt ihre Nägel selbst, mit Ausnahme der Behandlung von Hühneraugen. Aber es ist allen freigestellt, ihre Vorliebe zu pflegen wie sie wollen. Gepflegte Nägel gehören zur kompletten Persönlichkeit. Shanti C. Wetzel wird dies mit einem Blick erfassen.
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Als Bube suchte ich mit meiner Mutter gerne Schuhläden auf. Ich entwuchs meinen Schuhen rasch. Damals konnte ich mich hinter einem Röntgenapparat (Podoskop) amüsieren. Die Erwachsenen konnten von oben durch die beiden Guckröhren tief blicken. Für die Kleinen waren diese entsprechend tiefer angebracht. Meine Schuhe wurden durchleuchtet. Bewegte ich meine Zehen frei und vergnügt, sass der Schuh richtig. Diese radioaktiv strahlenden Apparate gibt es nicht mehr.
 
Selbst heute noch muss für mich ein Schuhkauf mit einem Erlebnis verbunden sein, sonst verzichte ich darauf. In Florenz entdeckte ich kurz vor Ladenschluss einen Schuhmacher in einer Seitenstrasse. Dieser hatte einige verbilligte Restpaare zum Verkauf. In der engen Werkstatt wurde ich von Vater und Sohn, und natürlich auch von meiner Frau, beraten. Ich hinterliess meine alten, ausgetretenen Schuhe im Laden, und ging wie geschmiert im geschmeidigen Leder 100 Meter weiter bis zu unserem bevorzugten Lokal zum Nachtessen. Diese Schuhe trage ich zu festlichen Anlässen, am liebsten verbunden mit einem guten Essen.
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Auch meine Frau erwarb sich ein modisches Paar Schuhe, diesmal in einem abgelegenen andalusischen Örtchen, wiederum kurz vor Essenszeit. In diesem Schuhladen war es ebenfalls furchtbar eng. Ringsum waren den Schuhschachteln aufgetürmt. Die alte Inhaberin konnte zwar die Persönlichkeit meiner Frau nicht von ihren Füssen ablesen, doch wusste sie sofort, welche Art von Schuhen zu ihr passte. Der Kauf wurde getätigt, und die alte Frau wies uns ausserdem zum Abschied den Weg zu einem guten Esslokal gleich um die Ecke.
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Genug der Schuhgeschäfte, schliesslich geht es hier um Füsse, ob Plattfüsse, „Schweisspropeller“ (Schweissfüsse), ein Paar linke Füsse usf. Doch für heute gebe ich lieber Fersengeld, da es inzwischen in meiner Schreibstube zu heiss zum Schreiben geworden ist. Immerhin ist es mir theoretisch gelungen, die Welt wieder auf die Füsse zu stellen.
 
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